Humanitäres Engagement für Talibé

Ausländische Hilfsorganisationen, die sich für Talibé engagieren wollen, sehen sich vielen Widersprüchlichkeiten gegenüber:

Wertefundament Kinderrechte

Da ist zum einen das Bild des Kindes als eigenständige Persönlichkeit, die mit universell gültigen Rechten ausgestattet ist, wie in der Kinderrechtskonvention der UN niedergelegt. In Westafrika dagegen gehören auch Kinderpflichten zum Wertekanon: Disziplin, Gehorsam und der unbedingte Respekt vor den Älteren.

Auch pflegen wir nicht das gleiche Erziehungsideal: Während sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kind im Westen seit dem Bürgertum Mitte des 20. Jahrhunderts immer stärker idealisiert wird und dem Kind Persönlichkeitsrechte zugeschrieben werden, die die denen Erwachsener immer näher kommen, so sieht die westafrikanische Kultur das Kind eher als Bestandteil der Großfamilie bzw. eines Stammes, das sich in dieses Geflecht einzufügen hat. Während die westlichen Gesellschaften eher individualistische Werte verfolgt, sind es im Senegal eher kollektivistische.

Als Hilfsorganisation vor Ort müssen wir uns somit erst einmal darauf einstellen, dass wir nicht auf einem deckungsgleichen Wertefundament stehen.

Kooperation oder Konfrontation

Als besonders schwierig in der Hilfestellung für Talibé erweist sich die Frage des Umgangs mit den Marabouts. Deren Ausbeutung von Talibé steht im Zentrum der Kritik der NGO´s, und doch führt die direkte Konfrontation mit den Daara’s zwangsläufig dazu, gar keine Hilfe leisten zu können.

Der Spagat gelingt am leichtesten, unterstützt man Talibé immateriell und außerhalb der Daara. Am häufigsten leisten NGO’s daher medizinische Hilfe, die den Kindern direkt zukommt, ohne die Daara zu stärken. Auch die Bildungsanstifter haben einen ähnlichen Weg gewählt, der freilich indirekt dennoch dafür sorgt, dass Daara’s nicht in Frage gestellt und Reformen nicht gefördert werden. Auch nationale Hilfsorganisationen müssen ambivalente Kompromisse und gar Komplizenschaften eingehen, wollen sie ein wohldosiertes Maß an Hilfe und Veränderungsdruck aufrecht erhalten.

Die Stillung von Grundbedürfnissen wie Hunger, Durst, Gesundheit und Schlaf als Hilfsziel ist aus mehreren Gründen für NGO`s besonders attraktiv:

  • Sie hält sich aus der gesellschaftlichen und politischen Diskussion konsequent raus.
  • Derartige Hilfen finden besonders leicht Konsens unter Spendern der Hilfsorganisationen.

Geben und Nehmen

Wiederholt wurden wir aufgefordert, die Übergabe einer Spende fotografisch zu dokumentieren und den Spendern zurück zu geben. Ein (Geld-)Geber handelt meist nicht rein altruistisch, sondern er erwartet meist eine Gegenleistung: positive Selbstvergewisserung!

Dabei geraten die Talibé leicht in die Rolle einer Requisite. Ihre Meinung oder ihre Mitgestaltung von Hilfe wird nicht nachgefragt, sondern von den regionalen Partnern der Hilfsorganisation stellvertretend formuliert. Auch wenn wir daran zweifeln, dass Talibé einen wesentlichen Mitgestaltungsrahmen nutzen würden, wir relativieren an diesem Punkt dennoch allzu leicht unsere eigenen hehren Wertvorstellungen über Kinderrechte.

Die Haltung der Bildungsanstifter

Im Spannungsfeld zwischen Geben und Nehmen gibt es keine einfachen Lösungen.

Jeder Verein muss seine Motivation prüfen, seine Kräfte einschätzen, seine Wirksamkeit hinterfragen und vor allem ständig dazulernen. So auch wir.

Unser humanistisches Wertebild und unser Respekt der Menschen-, Kinder- und Persönlichkeitsrechte sollten wir bei unseren Besuchen vor Ort nicht „in den Urlaub schicken“ und nicht anderen vorschreiben, sondern konsequent praktizieren.

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