Als Bildungsanstifter e.V. teilen wir das Problem, ein im Westen unbekanntes Phänomen erst einmal erklären zu müssen. Könnte man nicht vereinfachend von „Straßenkindern“ sprechen?
Die Macht des Begriffs
Bettelnde Jungs auf der Straße: dies das für alle auffällig sichtbare Bild im Senegal, dem sich kein Besucher oder Einwohner entziehen kann. Zwischen Straßenkindern und Talibé kann im Straßenbild niemand unterscheiden.
Allerdings enthalten diese zwei Begriffe sehr unterschiedliche Bewertungen:
Das Leben eines Talibé in einer Koranschule und das damit verbundene Betteln wird in der Tradition des Senegal nicht einheitlich bewertet. Das Leben der Talibé mag hart sein, aber Talibé verbringen in der Regel nicht den ganzen Tag auf der Straße. Sie lernen den Koran und Tugenden wie Disziplin, Respekt und Bescheidenheit. Ihre Phase als Talibé bleibt begrenzt und sie werden, wenn es der Marabout für an der Zeit hält, aus diesem Leben entlassen.
Straßenkinder dagegen werden überwiegend negativ bewertet. Sie sind aus der Daara oder aus ihren Familien geflüchtet. In einer kollektivistischen Gesellschaft ist der Bruch mit der Familie oder einer Daara nicht akzeptiert, mögen die Verhältnisse auch noch so prekär für das Kind gewesen sein. Ihnen werden die negativen Folgen Ihres Ausreißens zur Last gelegt: Drogenkonsum und Kleinkriminalität. Gerade weil sich Straßenkinder einer solch negativen Beurteilung ausgesetzt sehen, geben Sie sich auf der Straße lieber als Talibé aus.
Unterschiedliche Antworten für prekäre Lebensverhältnisse
Eine der größten senegalesischen Hilfsorganisation ist ENDA. ENDA kümmert sich beispielsweise in Thiès um die familiäre Rückführung von Straßenkindern, die aus Daaras geflohen sind. Voraussetzung für Hilfe ist also der bereits vollzogene Bruch mit einer Daara. Das ermöglicht ENDA, nicht in Konflikt mit dem Marabout zu geraten.
Mit immensem Aufwand werden einzelne Kinder in ihre Familien zurückgeführt. Der schlechte Ruf von Ausreißern oder Straßenkindern motiviert viele Familien nicht zur Wiederaufnahme des Kindes. Andere Familien sind einfach dysfunktional, können keine Versorgung gewährleisten oder sind schlicht zerfallen. Straßenkinder zu ‚retten‘ erweist sich daher als aufwändige Arbeit für nur Wenige.
Die ‚Rettung‘ und Rückführung von Talibé dagegen wird von den nationalen Hilfsorganisationen nicht verfolgt. Es gibt eben keine gemeinsame Haltung der senegalesischen Gesellschaft zu dem Prinzip der Daaras. Daher müssen Kinder, die Exzessen von Gewalt oder auch sexuellem Missbrauch entfliehen wollen, die Entscheidung zur Flucht selbst treffen und mit den negativen Bewertungen zu Straßenkindern zurechtkommen.
Die Sichtweise der Bildungsanstifter e.V.
Ziel unserer Hilfsbemühungen sind dezidiert Talibé im Senegal. Dies liegt auch an der Koordination von Hilfen vor Ort. Denn Caritas Bamberg ist ein führender Geldgeber für ENDA Thiès und unterstützt somit bereits Projekte der Rückführung von Straßenkindern. Katholische Partnerschaften zwischen Bamberg und Thiès fördern Bildungsprojekte und Jugendarbeit im kirchlichen Kontext. Die Unterstützung von Talibé dagegen war im Raum Thiès ein Novum und entsprach unserer Leistungsfähigkeit.
Das Phänomen der Talibé in seiner Vielschichtigkeit zu verstehen und zu vermitteln, ist eine große Herausforderung. Aber Bildung zu fördern, ist ja das erklärte Ziel des Vereins, und sei es die eigene!
