Ein gänzlich anderes Zusammenspiel, als wir es kennen
Die sufischen Bruderschaften
Mehr als 90% der Senegalesen sind islamischen Glaubens, der bereits im 8. Jahrhundert über die Länder des Maghreb durch Handelsbeziehungen in Westafrika Einzug hielt und eine eher mystische Ausprägung erfuhr. Marabouts sind dabei die Schlüsselfiguren der sich entwickelnden Bruderschaften, die durch ihre Weisheit und ihre spirituelle Energie die Beziehung der Gläubigen zu Allah vermitteln. Seit der Herausbildung der Bruderschaften sind es Marabouts, die eine Daara leiten.
Religiöse Bruderschaften und politische Macht
Der Einfluss der der Bruderschaften wuchs jedoch unter der Kolonialherrschaft der Franzosen auch im politischen Sinne, denn Sie stellten den religiösen und soziokulturellen Gegenentwurf zur westlichen Fremdherrschaft dar. Nach ersten Bestrebungen, einen Dschihad gegen die Kolonialherren zu entfachen, entwickelte sich jedoch zwischen den beiden Gruppen v.a. im 20 Jahrhundert ein ungeschriebener Gesellschaftsvertrag, demzufolge sich die Kolonialmacht und die religiöse Autorität der Bruderschaften gegenseitig tolerierten. Dies stärkte die Bruderschaften nicht nur, es ermöglichte ihnen auch, wirtschaftliche und politische Macht zu entwickeln.
Unter den verschiedenen islamischen Gruppen bestand jedoch kein Konsens in religiösen oder politischen Fragen, sondern eher eine Konkurrenz um Einfluss. So entstand im 21. Jahrhundert eine vielschichtige und stetig variierende Machtaushandlung zwischen Staat und Bruderschaften.
Relativierung von Staat
Im Senegal ist der Staat also nicht die ‚Überinstitution‘, der sich alles andere unterordnet, sondern eine von mehreren Instanzen, die Macht untereinander dynamisch verhandeln. Und der Staat spielt dabei umso weniger seine Macht aus, je schlechter er die Bedürfnisse der Bevölkerung decken kann.
Dies führt zu scheinbaren Widersprüchen, wenn selbst Marabouts nach dem Staat rufen (um von ihm bezahlt zu werden), andererseits die Gesetzgebung gegen Kinderrechtsverletzungen im Alltag nicht ankommt.
