Partnerschule in Tunesien

Zahrat Elhayet (Blume des Lebens)  –

Verein für Menschen mit BehinderungLogo

Das Gebiet

Die Beduinendörfer um ElFaouar zählen zu den ärmsten Regionen Tunesiens. Der massive Rückgang des Wüstentourismus sowie fehlende Investitionen in neue kommunale Projekte führen zu zunehmender Frustration der Einwohner. Dies führte in den letzten Jahren immer wieder zu massiven Protesten der Bevölkerung in der Region. Der Januar 2018 mit seinen Demonstrationen wird sogar als „Monat des Zorns“ bezeichnet. Der Gedanke an eine Flucht nach Europa ist hier längst zum Teil der Jugendkultur geworden. Das Gefühl, nichts mehr verlieren zu können, führt viele Tunesier letztendlich auf die Boote, um übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Wenn sie schon in ihrem Heimatland keine Chance auf Bildung, Arbeit, Familie und Zukunft haben, dann wollen sie wenigstens ehrenhaft auf dem Meer sterben.

ElFaouar liegt in Südtunesien im Verwaltungsbezirk Kebili. Die Gegend wird häufig ‚Tor zur Sahara‘ genannt und beherrscht von den großen Salzseen und den Weiten des Grand Erg Oriental (Sandwüste). Die Oasen der Nifzawa-Region sind die Heimat von ehemals nomadischen Beduinenstämmen, die seit den 70er Jahren mehr und mehr sesshaft (gemacht) wurden.

Das strukturschwache Gebiet leidet unter einer sehr hohen Arbeitslosigkeit (um 50%), schlechten Lebensbedingungen und Perspektivlosigkeit, mangelnder Gesundheitsversorgung, geringer Infrastuktur und kaum (Aus-)Bildungschancen. Sieben Jahre nach dem politischen Umbruch, der vor allem von jungen Leuten getragen wurde und mit großen Hoffnungen verbunden war, ist die Enttäuschung hier größer denn je.

Die staatliche Unterstützung für zivile Akteure und Zusammenschlüsse ist minimal, oft beläuft sie sich auf einen kleinen Verwaltungszuschuss.

Die Akteure

Der Verein ‚Zahrat Elhayet‘ für Menschen mit Behinderung in ElFaouar ist ein lokaler Zusammenschluss und der einzige Verein dieser Art in der Region. Er wurde 2015 gegründet und von einem Komitee von neuen Personen geleitet. Vereinsmitglied ist auch Herr Amor Belhaj, der mit seinem Anliegen an mich heran getreten ist.

Mit Amor Belhaj (geb. 1966) bin ich seit 12 Jahren geschäftlich und freundschaftlich verbunden. Familie Balhaj besitzt eine Dattelplantage in ElFaouar und hat sich eine Existenzgrundlage im Gemüsehandel (Gewächshäuser) aufgebaut. Der Vater von Amor war der Verantwortliche des Beduinenstammes während der französischen Besatzung. Nebenberuflich organisiert er für mich Wüstenkarawanen (www.sandmeere.de) und ist im Projekt ‚Lebenslinien von Wüstennomaden‘ engagiert. Amor Belhaj hat sechs Kinder, die jüngste Tochter ist schwerbehindert. Ich habe ihn bisher als absolut zuverlässig, vorausschauend planend, engagiert für das Gemeinwesen und offen für neue Entwicklungen erlebt. In Bezug auf die Förderung und Versorgung seiner Tochter erlebe ich die Familie als vorbildlich.

Das Recht auf Bildung und Teilhabe am öffentlichen Leben

Artikel 28 der Kinderrechtskonvention postuliert das recht des Kindes auf Bildung. Weiterhin wird in Artikel 23 das Recht von geistig oder körperlich behinderten Kindern beschrieben, ‚ein erfülltes und menschenwürdiges Leben zu führen, das seine Würde wahrt, seine Selbständigkeit fördert und seine aktive Teilnahme am öffentlichen Leben erleichtert.‘

Kinder mit Behinderung sind in der Nifzawa-Region besonders gefährdet, da sich weder staatliche noch nichtstaatliche Organisationen um ihre Belange kümmern. Die Familien von Kindern mit Beeinträchtigungen sind sich weitgehend selbst überlassen – eine Beschulung findet bisher nicht statt. Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter 5 Jahren liegt im Landesdurchschnitt schon bei 21 %. Häufig fehlt es den Beduinenfamilien an Ressourcen, Bildung, Erfahrung und fachlichen Kenntnissen, um besonders ihre Kinder mit Beeinträchtigungen ausreichend versorgen, pflegen, beschulen und in das Dorfleben integrieren zu können.

Ausgangspunkt der Vereinsgründung war der Wunsch vieler Familien in der Region, dass ihre Kinder mit Behinderung angemessen beschult und gefördert werden. In ElFaouar und den angrenzenden Beduinendörfern leben derzeit 45 Kinder mit Behinderung.

Die Idee

Das Vereinsziel von Zahrat Elhayet ist die Integration von Menschen mit Behinderung in das soziale Leben und Berufsleben sowie psychologische und pädagogische Unterstützung für Menschen mit Behinderungen. (siehe Vereinsbeschreibung im Anhang). Grundlegendes Ziel des Projektes ist letztendlich die Hilfe zur Selbsthilfe, d.h. die Beduinenstämme (Dorfgemeinschaften) zu unterstützen, ihre Zukunft letztendlich in eigener Verantwortung zu gestalten.

Konkrete Ziele des Vereins beziehen sich auf folgende Aspekte:

  • Bildung: Beschulung und Förderung der Kinder mit Beeinträchtigungen
  • Versorgung: Medizinische und therapeutische Versorgung der Kinder (Logopädie, Physiotherapie) in der Region
  • Beratung: Ausbau und Weiterentwicklung der Schule als ‚Beratungszentrum‘ mit weiteren Angeboten für Familien: Elternberatung und -begleitung, Elterntraining, Ernährungsberatung
  • Präventionsarbeit und Aufklärung für Mütter
  • Haus der Begegnung: z.B. Freizeitangebote für alle Kinder im Dorf (Inklusionsgedanke)
  • Gesundheit: Gewährleistung von gesunder Ernährung, Bewegung
  • Vernetzung mit anderen Akteuren (im Bildungsbereich) vor Ort
  • Berufliche Fortbildungsangebote für ErzieherInnen
  • Beschäftigungsförderung (Arbeitsplätze in der Region)

Die privat organisierten Wüstenreisen (sandmeere.de) unterstützen mit der jährlich einmal stattfindenden Karawane die lokale Ökonomie der Beduinen vom Dorf Sabria und ElFaouar mit den Prinzipien des sanften Tourismus. Gleichzeitig fließt ein kontinuierlicher finanzieller Beitrag in den Verein Zahrat Elhayet.

Der nachhaltige Ansatz

Der Verein erfüllt viele Kriterien nachhaltiger Entwicklung in der Region. Die Akteure des Vereins verdienen Respekt und Unterstützung auf allen Ebenen.

Zahrat Elhayet …

… setzt das Recht auf Bildung und Teilhabe für Mädchen und Jungen mit Behinderung um.

… schafft Arbeitsplätze in der Region.

… fördert den inklusiven Ansatz.

… verfolgt den Gedanken der gesundheitlichen Prävention.

… schafft vielfältige Möglichkeiten der Vernetzung.

… ist ein Beitrag für mehr Stabilität in dieser Region.

… stärkt den Bereich berufliche Bildung.

… schafft Perspektiven für Familien.

… bekämpft strukturelle Missstände und wirkt somit Fluchtursachen entgegen.

… erhöht die Lebensqualität von Familien und eröffnet Bleibeperspektiven.

… schafft überregionale und zwischenstaatliche Vernetzungen (z.B. auch zur Caritas-Fachakademie für Sozialpädagogik, Bamberg).

Die Ressourcen

Um die genannten Ziele zu verfolgen und die hohen Anforderungen für eine gute Arbeit in ElFaouar zu bewältigen, sind die bereits zahlreichen vorhandenen Ressourcen eine sehr gute Basis.

An dieser Stelle sollen nur punktuell die wichtigsten Ressourcen angeführt werden, die die Unterstützung der Vereinstätigkeit gewährleisten und zu einer gelingenden Kooperation führen können.

  • Es bestehen bereits langjährige Kontakte zu Herrn Amor Belhaj (Vereinsvorstand), der in der Region hohes Ansehen genießt.
  • In anderen Projekten (Organisation von Wüstenkarawanen) haben die Akteure vor Ort bereits bewiesen, dass sie zuverlässige Projektpartner sind.
  • Durch weitere Projekte (Lebenslinien, Karawanen) ist bereits eine Vertrauensbasis aufgebaut worden, mit Kooperationspartnern aus Deutschland zusammen zu arbeiten.
  • Es existiert bereits eine Vereinsstruktur, auf die aufgebaut werden kann.
  • Das Dorf ElFaouar und die umliegenden Dörfer tragen die Idee der Beschulung von Kindern mit Behinderungen mit. Die Einbindung der Vereinsarbeit in die Dorfgemeinschaften ist somit gewährleistet.
  • Die Vereinsgründung hat bewiesen, dass die Menschen vor Ort sich für wichtige Belange ihrer Familien engagieren. Es besteht eine hohe Bereitschaft und Offenheit, sich auf einen gemeinsamen Entwicklungsprozess einzulassen.
  • Die hohe religiöse Bindung der Menschen vor Ort (Muslime).
  • Die funktionierenden Stammesstrukturen der Beduinen (funktionierende Dorfgemeinschaft).

Die Unterstützung von Zahrat Elhayet

Um die Lebensverhältnisse der Kinder und ihrer Familien in der Region ELFaouar nachhaltig zu verbessern, braucht Zahrat Elhayet Unterstützung. Da in diesem Fall kaum mit entsprechender Hilfe durch den tunesischen Staat gerechnet werden kann, sollten sich Hilfs-Organisationen (z.B. Kindermissionswerk) sowie private Initiativen (aus Deutschland) auf verschiedenen Ebenen engagieren.

  • Finanzielle Unterstützung wie Zahlung der monatlichen Miete (ca. 150 Euro), Transportkosten (ca. 250 Euro) bzw. Anschaffung eines Schulbusses, Honorar für die Mitarbeiter der Schule (z.B. ErzieherInnen, LogopädInnen, Physiotherapeutinnen, Verwaltung, Köchin, Fahrer)
  • Ausstattung mit Hilfsmitteln (Rollstühle, Hörgeräte, Blindenstock)
  • Ausstattung mit päd.-did. Spiel-, Förder- und Lehrmaterial (Spiele, Lernspiele, Sportgeräte, Übungsgeräte)
  • Spezielle therapeutische Ausstattung zur Förderung der Kinder mit Behinderungen
  • Berufliche Qualifizierung der Mitarbeitenden (Fortbildungen für ErzieherInnen/Lehrpersonal/Therapeutinnen, Ausbildung von Beratungspersonal, Elterntrainer)
  • Begleitung bezüglich konzeptioneller Weiterentwicklung des Projektes zu einer Art Familienzentrum (Beratung, Ernährung, Prävention, Vernetzung, Inklusion)

Die ‚Vermittler‘

Dr. phil. Ulrike Roppelt ist hauptberuflich als Dozentin und stellvertretende Schulleitung an der Caritas-Fachakademie für Sozialpädagogik (Bamberg) tätig. Gemeinsam mit dem Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘ hat sie das Zertifikat ‚Interkulturelle Kompetenz‘ entwickelt, bietet als interkulturelle Trainerin (LIDIA) Fortbildungen zum Thema an und ist im Eine-Welt-Netzwerk Bayern beim Aufbau eines neuen Kindergarten-Profils (Eine-Welt-Kita – fair und global) engagiert.

Nebenberuflich organisiert sie seit 2007 Wüstenreisen in die tunesische Sahara (www.sandmeere.de) und hat – gemeinsam mit ihrem Mann Dr. Hendrik Bachmann – bereits mehrere Foto-Ausstellungen präsentiert (u.a. Gesichter der Wüste; Farben des Senegal). Als Wüstenreisende haben sie viele Male die tunesische Sahara bereist und enge Verbindungen zu verschiedenen Beduinenstämmen in der Region geknüpft. Ein oder zweimal jährlich ist Dr. Ulrike Roppelt mit ihren Wüstenkarawanen im Grand Erg Oriental (Tuneisen) unterwegs und verfügt über ein großes Netz an Kontakten zu den Beduinenfamilien. Die Idee des Vereins ‚Zahrat Elhayet‘ hat Dr. Roppelt – vor allem als Pädagogin – sofort überzeugt und so möchte sie sich für die Realisierung des Projektes einsetzen.

Der Intensivmediziner, Kardiologe und Internist Dr. Hendrik Bachmann ist als Chefarzt im Klinikum des Landkreises Bamberg tätig. Als begeisterter Fotograf und Offroad-Fahrer zieht es ihn immer wieder auf ungewöhnlichen Reisewegen durch die Welt. So bereiste er auch mehrere Male die Wüstenregionen um ElFaouar. Als Arzt hat ihn vor allem das Engagement von Zahrat Elhayet für Kinder mit Behinderungen begeistert.

Dr. Ulrike Roppelt und Dr. Hendrik Bachmann engagieren sich bereits im Rahmen einer Privatinitiative in einem Schulprojekt im Senegal (Thiès, Partnerbistum von Bamberg).

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Aktuell arbeiten die beiden am Projekt ‚Lebenslinien‘, in dem Familiengeschichten von Beduinen in der Region ElFaouar/EsSabria in Wort und Bild erfasst werden. Da das beschriebene Projekt Zahrat Elhayet den Rahmen einer Privatinitiative sprengt, möchten die beiden eine professionelle Hilfsorganisationen in die Unterstützung des Vereins einbinden. Das Kindermissionswerk ist aufgrund der bisherigen bewährten Zusammenarbeit der erste Ansprechpartner.